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Gastkolumne vom Juni 2004
«Wir
haben heute 8o Rappen gespart», strahlt Balkonia. «Doll, lass
uns die versaufen, dann torkeln wir anschliessend nach Hause», frotzelt
Peter, will aber dann doch wissen, wie wir es fertig gekriegt haben, eine
derartige Summe an einem einzigen Tag einzusparen. Stolz zeige ich auf die
beiden Zitronenhälften auf unseren Tellern mit dem Carpacchio. «In
unserem Körnlipicker-Laden an der Mariahilfgasse kostet eine unbehandelte
Zitrone 80 Rappen», erkläre ich geduldig, und dass es sich bei
unseren zwei halben um Eigenanbau handelt. Peter ist tief beeindruckt, bemerkt,
dass in diesem Laden das Pfund Kartoffeln aus Bodenhaltung 25 Franken koste,
dafür aber garantiert werde, dass der Bauer, der die Dinger ausgebuddelt
hat, nicht von seiner Frau geschlagen werden darf und einmal pro Woche etwas
anderes zu essen kriegt als eben Kartoffeln. Ich solle mir überlegen,
Härdöpfel in den Geranien-Kistli anzupflanzen, der Spareffekt wäre
dann enorm und wir könnten uns ununterbrochen mit «Kalterersee»-Auslese
vollaufen lassen. Peter öffnet eine Flasche von unserem guten «Italiener»,
toastet zwei Scheiben Brot – Balkonias stossen auf die eigene Zitronenplantage
an und träufeln den besten Citrus-Saft der Welt aufs Rindsfilet.
Eigentlich, bemerkt Peter, seien es seine Zitronen und da hat
er Recht: Letztes Jahr, als es kalt wurde, bat Balkonia ihren Peter, die Zitrusbäumchen
ins Wohnzimmer zu schleppen. «Die bleiben auf dem Balkon!», er
sei es leid mir täglich zuzusehen wie ich rote Spinnen, weisse Fliegen
und andere Läuse von jedem einzelnen Blatt der Pflanzen entferne, «entweder
sie überleben den Winter auf dem Balkon oder sie werden durch was Wetterfestes
ersetzt». Peter hat die Pflanzenkübel liebevoll in Blööterlifolie
verpackt, die beiden Bäumchen an die Hauswand geschoben und ihnen einen
angenehmen Winterschlaf gewünscht. An der Fasnacht wurden die ersten Zitronen
gelb, keiner der beiden Pflanzen hat auch nur ein einziges Blatt verloren und
seit ein paar Tagen fangen sie an zu blühen, wie Balkonia das nie erlebt
hat mit dem Wohnzimmersystem. ![]()


Wir haben dann noch die Küche aufgeräumt, eine alte Schallplatte von Santana aufgelegt, die zweite Flasche Wein geöffnet – schliesslich gab es was zu feiern – und dann ging es los, draussen auf der Strasse. Hupkonzert und Gegröle und das kurz vor Mitternacht. Sämtliche Portugiesen der Umgebung haben sich in ihre Autos gesetzt um einen Fussballsieg in Gelsenkirchen – das liegt in Deutschland – zu feiern. Bahnhof-Hofkirche-Bahnhof-Hofkirche-Bahnhof... stundenlang. Stellen Sie sich mal vor, alle Sportsiege würden so gefeiert. Sämtliche Schweizer holten nach fast jedem Tennismatch ihre Karossen aus der Garage um den Roger Federer mit einem Autocorso zu feiern. Der Federer gewinnt fast täglich irgendwo ein Spiel und Schweizer hat es hier in der Gegend auch noch ziemlich viele, auch solche mit Autos. Die Russischen Touristen würden sich um die Mietautos prügeln um den neuen Schachweltmeister zu zelebrieren, die Japaner den Weltrekord im Ziegelsteinezertrümmern (mit dem kleinen Finger). Theoretisch ist es möglich, dass gleichzeitig ein Achter mit Steuermann aus den USA eine Regatta im Irak gewinnt, jemand aus Ex-Jugoslawien Fechtweltmeister wird, und ein Italiener den höchsten Berg der Welt barfuss und ohne Sauerstoff erklimmt und alle wollen das auf der Seebrücke feiern – na und der Roger Federer hätte auch noch grad ...
Da feiern wir doch lieber Balkonias fünf gelbe Zitronen, ganz still und leise mit Rotwein, etwas Musik und achtzig Rappen im Sparschwein.
Ich wünsche allen Zitronenbaumbesitzern und –besitzerinnen
eine reiche Ernte, ebenso denen, die einen Kartoffelacker haben und allen anderen
viele bunte Blumen, schönes Wetter, halt einen tollen Juni und uns Stadtbewohnern
wünsche ich viele Unentschieden im Fussball – auf die Gefahr hin,
dass dann beide gleichzeitig feiern, was Gott verhüten möge.
Bis bald, Eure Balkonia
Viele liebe Grüsse, Ihre Balkonia