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Gastkolumne von November 2000
Weshalb,
fragt sich Balkonia, zelebrieren so viele Menschen, kaum beginnen sich die ersten
Blätter an den Bäumen zu verfärben, diese Totengräberstimmung.
Morgens, bevor den über Fünfundneunzigjährigen am Radio gratuliert
wird, liest seit Tagen Hermann Hesse mit zittriger Stimme (begleitet von den
Kratzgeräuschen der Schellackschallplatte) Herbstgedichte, die er offensichtlich
tieftraurig an Regentagen im Tessin zu Papier bringen musste. Rilke (wer jetzt
kein Haus baut, baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben)
eignet sich auch prima, um Heerscharen von Leuten, die ansonsten ein durchaus
fröhliches Gemüt haben, in Selbstmordstimmung zu versetzen. Falls
sie sich dann trotz dieser Gemütslage auf die Strasse wagen, erwischte
es sie dann endgültig beim nächsten Blumengeschäft, welches liebevoll
die Arrangements aus Erika, Astern und
Tannzweigen mit dem roten Totenlichtli aufs Trottoir gelegt haben. Da nützen
auch die blöden Halloweenkürbisse nichts, schliesslich hat der Mensch
ein Anrecht darauf im Herbst depressiv zu sein und das zu pflegen.
Blöd ist zur Zeit, dass das Wetter nicht mitmacht. Der Himmel ist blau, die Sonne lacht und der Wind wirbelt die bunten Blätter durch die Luft um sie dann allesamt auf Balkonias Balkon zu deponieren. Sämtliches Laub der Stadt landet auf unserer Terrasse. Peter hat schon grosse Müllsäcke angeschleppt, die wir unermüdlich mit den raschelnden und herrlich duftenden Blättchen in allen möglichen Farben füllen. Was für eine schöne, gemütliche Jahreszeit! Kaum wer ruft an, weil alle vermutlich heulend auf ihren Sofas sitzen und schwermütige Deutsche Dichter lesen, während Peter und ich uns daran machen den Feigenbaum fachmännisch zurückzuschneiden, das müsse man, hab’ ich in unserem schlauen Regionalblatt gelesen, sonst mache der keine Früchte mehr. Na dann. Der Baum ist etwa zehn Jahre alt und wurde bis jetzt nie zurückgeschnitten, hat aber immer sehr viele Feigen gemacht, wahrscheinlich uns zu liebe. Mit einer Baumschere bewaffnet nähern wir uns unserem Konfitürenlieferanten und versuchen aus der Anleitung von Thomas Schmid, eidg. Dipl. Gärtnermeister, schlau zu werden. Da ist von ein- und zweijährigen Seitentrieben zu lesen und von was weiss ich Unverständlichem – abgesehen davon hat der Baum null Bock drauf, zurückgeschnitten zu werden. Er droht uns in eine lang anhaltende depressive Stimmung zu verfallen, falls wir ihm auch nur ein einziges Ästchen abknipsen.
So setzen wir uns dann unverrichteter
Dinge an den Gartentisch, öffnen eine Flasche Rotwein, braten ein paar
Maroni und können uns nicht vorstellen, dass heute jemand traurig sein
könnte, nur weil es Herbst ist.
Bis bald, Eure Balkonia