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Tages-Anzeiger vom 23.5.96:
Erdbeere - ein Früchtchen für jede Jahreszeit
Kühlhaus und Kunststoffkuppeln simulieren Frühling nach Bedarf: Technische Tricks verlängern die Ernte bis in den Herbst hinein
20 000 Tonnen Erdbeeren werden in der Schweiz jährlich vernascht. Das Frühlingsvergnügen währt von Februar bis November - dank Technik und Tricks der Pflanzer hier und in Südeuropa.
VON DELF BUCHER
Andalusien im April: Gespenstisch blasen die Schornsteine des Chemiekomplexes bei Huelva Rauchfahnen in den Abendhimmel. Auf den Industrie-Moloch streben, in strenger Geometrie geordnet, goldglänzende Bänder zu. Kilometerlange Plastikfolien bedecken die Frühbeete für Europas erste Erdbeeren.
Die Region Huelva mit ihren Sandböden und ihrem milden Klima hat sich seit den 80er Jahren darauf spezialisiert, die ersten Erdbeeren zu liefern. 50 000 Saisonarbeiter pflücken auf 6500 Hektaren 260 000 Tonnen Erdbeeren; 60% sind für den Export.
Blüte verregnet
Wie viele Tonnen Spritzmittel auf den Feldern ausgebracht werden, will Manuel Verdier, Geschäftsführer des grössten Produzentenverbandes, Freshuelva, uns nicht sagen. Ökologische Sorgen zerstreut er mit einer Liste des chemischen Labors der Provinzregierung: "Wir überschreiten keinen einzigen Grenzwert." Verdier hat andere Sorgen: Die Blüten des ersten Erntezyklus 1996 sind verregnet worden. "Wir haben einen Verlust von 20 Milliarden Peseten", klagt er. Dieses Defizit von 200 Millionen Franken ist dieses Jahr nicht mehr wettzumachen, denn inzwischen ist der Zugang zum Früchtemarkt in West- und Mitteleuropa versperrt. Die spanische Erdbeere, auf Transportfähigkeit getrimmt, kommt gegen die norditalienischen oder französischen Früchte aromatisch nicht an.
In der Schweiz wird jeweils am 14. Mai die Hürde mit Schutzzöllen so hoch gelegt, dass sich die Warenregale für den Frischkonsum ganz mit heimischen Früchtchen füllen. Trotz Gatt-Freihandelsabkommen ist die Monopolstellung der Schweizer Produzenten dank einem Zollaufschlag von 5.70 Fr. pro Kilo vom 14. Mai bis zum 31. August unangefochten. ![]()
Ernte von Süd nach Nord
Von Februar bis Ostern finden sich die spanischen Erdbeeren in den Schweizer Läden, dann kommt die norditalienische Importware, und von Mitte Mai an beherrschen die einheimischen Früchte das Marktgeschehen - schön gestaffelt nach der Sonneneinstrahlung in den Anbauregionen. Das Wallis macht den Anfang. Dann kommen die Beeren aus der Ostschweiz und ein paar Tage später aus dem Mittelland. Wenn sich aber, wie in diesem Jahr, die Vegetation verspätet, dürfen die Italiener zu einem Niedrigzollsatz von 30 Rappen pro Kilo die Fehlmenge kompensieren. Zurzeit werden noch bis 100 Tonnen täglich importiert, dazu kommen rund 20 Tonnen aus dem Inland, hauptsächlich aus dem Wallis. Ab Pfingsten werden nur noch Schweizer Erdbeeren auf dem Markt sein.
Mit einem Erzeugerpreis von annähernd fünf Franken pro Kilo liegen die Schweizer Beeren weit über dem Preis der Importware. Trotzdem geniessen die helvetischen Früchtchen einen guten Ruf. "Dank der Marktnähe können wir die Beeren von der Staude pflücken, wenn sie effektiv genussreif sind", erklärt Peter Knup.
Auch der Zoll schützt die Schweizer Beeren-Produzenten nicht vor Wetterkapriolen. Solche können die Erntezeit des Wallis (ein Drittel der Ernte) und der anderen Kantone näher zueinanderbringen. Überangebot und Preiszerfall sind die Folge. Peter Knup aus dem Thurgau (nach dem Wallis Erdbeerkanton Nummer zwei) hat da eine Marktlücke entdeckt. Mit späten Erdbeeren von Ende Juni bis weit in den Herbst lässt sich ein besserer Preis erzielen. Für die termingerechte Produktion braucht es aber viel Technologie, um die Erntenzyklen durch Menschenhand zu beeinflussen.
Bei Knup in Kesswil TG hängen die Erdbeeren am Tropf. Ein Gewirr von Schläuchen für Wasser und Nährstofflösungen zieht sich durch die Folientunnels. Das Herzstück der bis in den Herbst verlängerten Erdbeersaison ist das Kühlhaus. Knup erklärt uns: "Pflanzen kann man gefrieren und wieder zum Leben erwecken." Für viele Setzlinge beginnt bei ihm nach einem langen Kühlhaus-Winter das Frühjahr erst im Juli. Diese im Sommer ausgesetzten Pflanzen tragen dann im September Früchte. "Wir sind der einzige Betrieb in der Schweiz, der von Mai bis Ende Oktober ohne Unterbruch Erdbeeren liefern kann", sagt Peter Knup. ![]()
Rotierende Anbaukultur
Klein-Holland in Kesswil? Davon will der Beeren-Kultivator nichts wissen. "Rund die Hälfte der Beeren wachsen im Freiland; die andere Hälfte unter Tunnel. Ohne Fremdenergie, nicht wie in den beheizten Treibhäusern der holländischen Konkurrenz", versichert Knup. Und was dem technologisch versierten Erdbeer-Produzenten weiterhin wichtig ist: Im Gegensatz zu Spanien oder Frankreich wandern die Schweizer Erdbeerkulturen im Jahresrhythmus weiter. In den nährstoffarmen Böden bei Huelva rotieren die Kulturen beispielsweise nicht. Das macht übermässige Düngung und vor allem die chemische Keule notwendig, um den Boden zu sterilisieren. Methylbromid heisst das Wundermittel zur Radikalkur - ein Mittel, das in der Schweiz schon längst verboten ist.
Trotzdem: Auch die Schweizer Erdbeerkulturen sind keine Augenweide für naturverbundene Konsumentinnen und Verbraucher. Die Landschaft gerät immer mehr unter Plastik. Vorreiterposition nimmt das Wallis ein. Gegenüber 6651 Aren Folienbedeckung oder Pflanztunnel-Kulturen kommt der Freiland-Anteil gerade noch auf gut 1000 Aren. Gesamtschweizerisch haben die Verpackungskünstler der Beerenbranche schon weit mehr als ein Drittel der Fläche unter Plastik gelegt. Andererseits hat die Branche auf ökologische Forderungen reagiert. "Die Folien halten immer länger", sagt beispielsweise Knup. Vier Jahre Garantie für das leicht abbaubare Polyäthylen seien heute die Regel.
Keine Gentech-Beeren
Doch der Kesswiler Beerenproduzent hat noch andere Argumente im Köcher, um die Tunnel-Kulturen zu verteidigen: Da unter den Kunststoffkuppeln die Vegetationsperiode früher einsetzt, seien Pflanzen weniger anfällig auf Pilzkrankheiten und Schädlinge. Damit reduziere sich auch die Dosis von Fungiziden und Insektiziden. Bei Knup sind fast alle Betriebsteile auf IP-Standard ausgerichtet. Das ist übrigens in der Schweiz die Norm. 61 Prozent der Flächen sind labelberechtigt.
Kühlhaus und Kunststoffkuppeln machen die Erdbeere zu einem teuren Früchtchen. Gentechnisch manipulierte Erdbeeren sind deshalb der Alptraum von Knup. Indes: Noch scheint die Frucht von den Geningenieuren nicht entdeckt zu sein. "Ich hoffe und glaube auch, dass es noch lange geht, bis die Gentechnik die Erdbeerzüchtung beeinflusst", meint der Schweizer Marktleader für Erdbeerzüchtungen, Hansjörg Häberli. Für seine Vermutung, dass die Erdbeere von gentechnischen Eingriffen noch lange verschont bleibt, nennt er vor allem drei Argumente. Erstens sei sie im globalen Agrobusiness eine zu vernachlässigende Grösse. "Auf der anderen Seite ist die Erdbeere", so Häberli, "verglichen mit Nachtschattengewächsen wie Tomate, Tabak oder Kartoffel, wesentlich komplexer." Die Genkarte der Erdbeere, wo die Kriterien wie Krankheitsresistenz, Aroma oder Fruchtfleischkonsistenz angeordnet sind, ist noch ein mehr oder weniger unbeschriebenes Blatt.